Cleofide - Barockoper in Indien oder: Der doppelte Johann

Ein Exposé von Michael Quast


Der Ursprung des Goethetheaters Bad Lauchstädt liegt in einer hölzernen Kiste in Frankfurt. Wie wir in "Dichtung und Wahrheit" nachlesen können, schenkte der Vater seinem Sohn Johann Wolfgang ein Puppentheater, das den Knaben sofort faszinierte und ein Feuer entzündete, das ein Leben lang brannte: die Leidenschaft fürs Theater. Dieser hölzerne Kasten, mit relativ kleinem Portal und genug Raum für Gassen und szenische Verwandlungen, steht im Frankfurter Großen Hirschgraben Nr. 23 in der Kammer unterm Dach, die der junge Goethe bewohnte und in der er den Werther schrieb, den Götz und den Urfaust.

Wenn in diesem Theaterchen nun die Puppen der indischen Königin Cleofide und des mazedonischen Eroberers Alexander auftreten, schlagen wir einen Purzelbaum rückwärts von Goethe in die Zeit der Barockoper, und spannen einen Bogen vom klassischen Goethetheater in unsere Gegenwart.

Durch die Puppen entsteht eine Distanz, die uns hilft, die barock-ausufernde Geschichte von Eroberung, Intrige und Edelmut als Spiel um Macht und Liebe zu begreifen, das auch heute noch gültig ist.

Für das Heute stehen die Sänger, die die Puppen synchronisieren, professionelle Zeitgenossen, die konzentriert ihrer Arbeit nachgehen, und der Erzähler, der die Puppen führt und außerdem als wandelndes Rezitativ und unterhaltsames Element die italienisch gesungene Oper erklärt und kommentiert.

Es mischen sich verschiedene Theaterebenen: das archaische Spiel der Puppen, die emphatische Synchronisation durch die Sänger und der ironische Kommentar des Erzählers. Man könnte sagen, der Erzähler ist halb Johann Wolfgang Goethe als Puppenspieler, halb Johann Adolf Hasse, der die Figuren seiner Oper in Szene setzt.

Dabei agieren die Puppen quasi als ideale Interpreten barocker Opernkonvention (prachtvolle Kostüme, große Geste), während die Sänger, befreit von jeder Konvention, sich ganz dem musikalischen Ausdruck widmen können.

Diese Funktion der Sänger ist von schillernder Vielschichtigkeit. Einerseits befinden sie sich in einer sehr nüchternen Situation, die der Arbeit im Tonstudio bei einer CD-Aufnahme gleicht. Andererseits erfordert das Synchronisieren engagiertes Einfühlungsvermögen und echte Leidenschaft. Die existentiellen Emotionen finden aber sozusagen auf neutralem Boden statt. Auf diese Weise kommen die Gefühlsstürme der Oper uns näher als im barocken Gestus, die Geschichte zwischen Alexander und Cleofide wird für uns nachvollziehbar.

Projeziert auf die Puppenbühne wird sie zur Parabel, zum Märchen und - im besten paradoxen Fall - zur großen Oper.

(März 2012)

 

Besetzung:

Michael Hofstetter - musikalische Leitung
Michael Quast - Regie und wandelndes Rezitativ
Johanna Ballhausen - Ausstattung

Yeree Suh, Sopran - Cleofide
Kai Wessel, Countertenor - Poro
Yosemeh Adjeli, Countertenor - Alexander der Große
Raimund Nolte, Bass - Timagene

Batzdorfer Hofkapelle